Um endlich wahre Avantgarde erleben zu dürfen, musste Berlin erst einmal einen Spanier einfliegen lassen. Am gestrigen Abend zeigte Leandro Cano im Rahmen der Berliner Modewoche eine Kollektion von traumartig surrealistischer, überirdischer, ja fast beängstigender Schönheit, dass sich bei mir nach der Show erstmalig hier in Berlin - endlich! - das Gefühl gänzlicher Sprachlosigkeit einstellte.
Ich will nicht sagen, dass mir die in dieser Stadt nicht nur in diesem Jahr, sondern auch in den vergangenen Saisons gezeigten Kollektionen der anderen Designer nicht gefallen hätten. Auch an diesem Dienstagmorgen wurde die Fashion Week von einer schönen Show eröffnet, Hien Le zeigte Kleider mit von Mark Rothko inspirierten Farbverläufen, während Perret Schaad ebenfalls ihrem minimalistischen Stil treu blieben und markentypisch fließende Stoffe, harmonische Farbkombinationen und skulpturale Silhouetten präsentierten.
Doch schon während ich diese beiden Kollektionen hier in Kurzform zusammenfasse, wird mir bewusst, dass ich mich bei ihrer Beschreibung wieder einmal aus dem immergleichen, praktischen Wort-Baukastensystem bedienen kann: fließend, harmonisch, minimalistisch, schlicht, dezent raffiniert, tragbar, elegant, lässig... All das sind Phrasen, Floskeln und Wörter, die man beim Schreiben der Rezensionen für Hien Le, Perret Schaad und viele weitere Berliner Kollegen prinzipiell in greifbarer Nähe haben sollte.
Bei Leandro Cano ist es anders. Auch jetzt, nachdem einige Stunden seit der Show vergangen sind und sich meine Impressionen langsam zu ordnen und zu festigen beginnen, fehlen mir noch immer die Worte für diese jüngsten Kreationen des spanischen Designers, sie fehlen mir, weil es sie vielleicht noch gar nicht gibt, weil das, was Leandro Cano gestern im Zelt der Mercedes Benz Fashion Week Berlin unter dem Titel "Ánima" (=Seele) präsentierte, bisher in keinster Art und Weise existiert hat.
Die Show beginnt harmlos, so, wie viele Shows beginnen: mit Dunkelheit und blechernen Techno-Beats. Dann aber füllt sich der Boden mit Nebelschwaden, und aus einem blauen Scheinwerferkegel heraus betritt das erste Model die Szenerie, schwebt wie auf Wolken über den allmählich heller illuminierten Laufsteg und versetzt mich auf der Stelle in tranceartige Verzückung. Dominant ist in dieser Kollektion ein blütenhelles, pures Weiß. Klingende Porzellanblüten wuchern auf den perfekt geschnittenen weißen Etuikleidern, weißen Catsuits, weißen Leggings. Es sind starke, selbstbewusst weibliche Amazoninnen, die dort über den Laufsteg schreiten, die Schulter- und Hüftpartien durch kokonartige Wölbungen oder ebenjene üppig rankenden Porzellanblumen akzentuiert. Unterschiedliche, ungewöhnliche Oberflächentexturen und Materialien ergeben ein stimmiges Gesamtbild: voluminös gehäkelte oder gestrickte Wolle, Leder, Lackleder, Fell und transparenter Kunststoff mit darauf applizierten Rosenstickereien. Der erste Schockmoment ist überstanden, als plötzlich ein Stricküberwurf in intensivem Brombeerpink auf dem Laufsteg erscheint, über dem Kopf aufgebläht wie ein Ballon und Haar und Gesicht des Models verdeckend. Die Robe mit ausladendem, kugelartigem Rock, bedruckt mit barocken Ornamenten, sorgt mitten in der Show für einen spontan aufbrausenden Applaus einiger Zuschauer in der ersten Reihe.
Es ist keine pure, sondern eine opulente Avantgarde, die der spanische Designer dem Berliner Publikum hier präsentiert, hinter diesen Entwürfen steckt das Genie eines Künstlers, dem es gelungen ist, eleganten Futurismus und romantisch-barockes Dekor auf verblüffende und dabei harmonisch-stilvolle Art und Weise in einer Kollektion voller Kontraste und Grenzüberschreitungen zu vereinen. Von der abstrakten Freigeistigkeit seiner Debütkollektion hat er sich dabei merklich entfernt, die Balance zwischen überbordender Extravaganz und geschliffener Finesse, die sich mit etwas Selbstbewusstsein durchaus auch anziehen lässt, scheint gefunden.
Leandro Cano gilt als pedantisch, perfektionistisch, verträumt und latent verrückt; die Models, die ihm Peek & Cloppenburg für die Präsentation seiner Debütkollektion im Juli 2012 für teures Geld einfliegen ließ, schickte er mit der Begründung wieder nach Hause, ihre lasche Haltung passe nicht zu seinen Entwürfen, er brauche starke Frauen mit Ausstrahlung und Attitüde. Jeder seiner Geistesblitze muss auf der Stelle festgehalten und umgesetzt werden, dann arbeitet er wie in Trance bis zur Erschöpfung. Allein durch seinen leidenschaftlichen Charakter unterscheidet sich Leandro Cano maßgeblich von seinen so bescheidenen Berliner Kollegen, nichts wird bei ihm dem Zufall überlassen, seine Inspiration entnimmt er den Tiefen und Untiefen seiner eigenen Seele, seiner Fantasien, Träume und Erinnerungen an die Traditionen der spanischen Heimat. Mit seiner "Ánima"-Kollektion, in der jedes Stück bis zur absoluten Perfektion und überirdischen Vollkommenheit konstruiert ist, wird Leandro Cano nicht nur als großer Visionär, sondern auch als erster wirklicher Spinner und Exzentriker der Berliner Fashion Week in die deutsche Modegeschichte eingehen. Möge er noch viele Saisons von seinem fernen Stern zu uns reisen.
Alle Laufstegbilder: ©Getty Images











Dein Text hat ebenso viel Seele wie diese Kollektion! Touching!
AntwortenLöschenDanke für diesen Beitrag, der sich definitiv vom Einheitsbrei der anderen von der fw berichtenden KollegInnen abhebt und durch Wortgewandtheit und emotionale Ansprache überzeugt. Allein, die Bezeichnung verrückt erscheint mir nicht ganz geglückt. Denn, wenn ich mir die Fotos der vor allem skulptural anmutenden Entwürfe etwas näher anschaue, sehe ich vor allem Avantgarde und Mut und Schönheit. Egal, ob man die nicht zu den kreativen, durch Herzblut bestimmte Ergebnisse wieder wegschickt. Weiter so.
AntwortenLöschen...die nicht zu den Ergebnissen passenden Models meine ich..;)
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